Direkt zum Inhalt Direkt zur Hauptnavigation Direkt zum Fußbereich
Neu im Rektorat

"Wir nehmen uns die Zeit, Fragen in der Tiefe nachzugehen"

Das Rektorat der RWU im Foyer des Hauptgebäudes
Prof. Dr. Barbara Niersbach (2. v. l.) ist seit dem Sommersemester 2026 neu im Rektorat der RWU. Ihre Themen als Prorektorin sind: Forschung, Internationales und Transfer.
Das Rektorat bilden neben ihr (v. l.): Henning Rudewig (Kanzler), Prof. Dr. Thomas Spägele (Rektor), Prof. Dr. Heidi Reichle (Prorektorin für Didaktik, Digitalisierung und Hochschulkommunikation) sowie Prof. Dr. Sebastian Mauser (Prorektor für Studium, Lehre und Qualitätsmanagement).
Bildquelle:
RWU, Felix Kästle

Mit Beginn des Sommersemesters 2026 übernahm Professorin Dr. Barbara Niersbach das Prorektorat für Forschung, Internationales und Transfer. Seit 2017 ist sie Professorin im Bereich B2B-Marketing und Vertrieb, ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf dem Key-Account-Management. Bis zum Antritt ihres neuen Amtes leitete sie den berufsbegleitenden MBA-Studiengang „International Business Management & Sustainability“ und war Auslandsbeauftragte der Fakultät Technologie & Management sowie Direktorin der International Academy an der RWU.

Christoph Oldenkotte: Wie war der Start ins neue Amt als Prorektorin an der RWU?

Prof. Barbara Niersbach: Mein Vorgänger Professor Dr. Michael Pfeffer hat den Staffelstab sehr gut an mich übergeben. Ich weiß, wenn ich Fragen habe, kann ich immer auf ihn zurückkommen. Beim Umzug hierher in das neue Büro hatte ich viele helfende Händen. Ich wurde herzlich aufgenommen. Es ist nur komisch, nicht mehr ins B-Gebäude zu gehen, in mein Büro, wo ich neun Jahre lang war. 

Gab es so etwas wie eine erste Amtshandlung?

Der erste offizielle Auftritt als Rektoratsmitglied war bei der Semesterbegrüßung im Kongresszentrum, wo wir die neuen Erstsemester willkommen heißen.

Wir haben drei Prorektorate an der RWU. Bei jedem stehen drei Themen an der Tür. Bei Ihnen sind das: Internationales, Forschung und Transfer. Was bedeutet es für Sie, wenn wir sagen die RWU ist eine „internationale Hochschule“?

Internationalität ist zentral verankert in unserem Leitbild, sie ist Teil unserer Mission.

Mit Blick auf die Studierenden bin ich überzeugt, dass interkulturelle Kompetenz immer wichtiger wird – trotz der technologischen Möglichkeiten. KI kann jeden wissenschaftlichen Artikel übersetzen, KI kann auch empfehlen, wie man sich in gewissen Kulturkreisen verhält. Aber so richtig umsetzen kann man das nur, wenn man zuvor internationales, interkulturelles Verständnis aufbauen konnte.

Schließlich ist Internationalität natürlich auch eine strategische Notwendigkeit für die RWU, sie trägt dazu bei, den Standort zu sichern.

Wo sehen Sie im Bereich der Internationalisierung Handlungsbedarf?

Ich glaube, wir müssen Strukturen und Prozesse in der internen Organisation anschauen und prüfen. Wo und wie können wir mit den bestehenden Ressourcen besser arbeiten? Da wird es auch Bereiche geben, wo wir sagen, das können wir uns nicht mehr leisten.

Was wir sicher nicht machen dürfen, ist, einfach weiter zu internationalisieren und die Organisation kommt nicht mehr mit.

Gibt es eine Zielquote, wie hoch der Anteil internationaler Studierender sein soll?

Ja, etwa 20 Prozent.

Sollen weitere Studiengänge auf Englisch angeboten werden?

Wir haben ja vor Kurzem den Mechatronics-Bachelor dazu genommen. Für weitere Planungen muss man erstmal in die Analyse gehen. Wir müssen bedenken, dass damit auch mehr Workload auf andere Abteilungen wie das Zulassungsamt und das International Office zukommt.

Liegt der Schwerpunkt auf dem Ausbau bzw. der Professionalisierung bei den Degree Seekings? Oder gilt das auch für die Austauschstudierenden?

Betriebswirtschaftlich betrachtet geht es für uns um die Degree-Seekings, weil uns das Anfängerzahlen bringt. Trotzdem finde ich den Bereich der Exchange Students sehr wichtig. Dadurch bereichern wir die Studierenden und die Studiengänge, das ist auch unsere Verantwortung.

Wie wollen Sie Partnerschaften zu anderen Hochschulen und Unis gestalten?

Ich halte es für sinnvoll, weltweit ausgewählte Key-Partnerschaften aufzubauen, diese zu pflegen und beispielsweise einen gemeinsamen Double Degree aufzubauen. Wir haben nicht die Ressourcen, um jede Partnerhochschule auf so ein Level zu heben. Im Endeffekt brauchen wir auch die Professorinnen und Professoren, die sich um die Key-Partner kümmern.

Ein Beispiel: Ralf Stetter und Markus Till waren gerade in Japan. Ich selbst habe letztes Jahr im Auslandsamt der Fakultät T Kontakte zu zwei Unis in Japan aufgebaut. Und ich habe zu den zwei Kollegen aus dem Maschinenbau gesagt, schaut doch dort noch vorbei. Jetzt habe ich eben vom Prorektor in Japan eine Nachricht bekommen, dass die beiden da waren und dass das ein sehr guter Austausch war.

Gibt es definierte Zielländer, Zielkontinente oder Regionen, wo man als RWU stärker präsent sein möchte?

Wir sind stark südostasienlastig. Das ist bekannt und dieses Niveau wollen wir auch halten. Wir bauen zum Beispiel die Kooperationen mit Thailand aus.

Studierende aus Südamerika gehen natürlich gerne nach Spanien oder Portugal, wo sie sprachlich leichter Anschluss finden. Trotzdem glaube ich, dass wir Süd- und Mittelamerika stärker bespielen müssen. Zum Beispiel bauen wir gerade Kontakte in Chile und Brasilien auf und aus.

Wie gelingt es, dass mehr unserer deutschen Studierenden während ihres Studiums für ein, zwei Semester ins Ausland gehen?

Ich glaube, wir müssen mit kleineren Formaten anfangen wie zum Beispiel dem International Business Project, bei dem wir Studierende für eine Woche mit ins Ausland nehmen. Das sind Impulse, mit denen man dann auch über ein Auslandssemester nachdenkt. 

Kommen wir zum Thema Forschung. Man hört gelegentlich die Aussage, die RWU sei nicht besonders forschungsstark. Wie sehen Sie das?

Ja, das ist schon so. Aber das ist auch systembedingt. Ich kenne das ja von meiner eigenen Arbeit: Die Lehre steht bei uns im Mittelpunkt. Forschung kommt immer on top. So richtige Entlastung gibt es dafür nicht.

Aber natürlich unterstütze ich in meiner neuen Funktion als Prorektorin alle, die forschen wollen. Das Promotionsrecht für die HAW ist da schonmal ein guter Schritt.

Stolz ist man an der RWU, dass man „angewandte Forschung“ macht. Was heißt das genau?

Wir schauen uns an, was passiert draußen auf den Märkten und wo haben Firmen noch große Fragezeichen. Das kann von der Werkstoffkunde bis zu Organisationsthemen alles sein.

Mit unseren Forschungsfragen gehen wir in diese Lücke rein. Am Ende können wir, basierend auf Theorie und empirischen Daten Handlungsempfehlungen aussprechen. Das ist für mich angewandte Forschung. Ein Forschungsergebnis sollte dazu beitragen, dass auch der Praxispartner einen Mehrwert hat.

Es ist ein erklärtes Ziel der RWU, dass diese Forschungsarbeit und damit auch der Nutzen für unsere Praxispartner steigt.

Woran misst man das?

Wir werden gemessen an Drittmitteln und Publikationen. Die Betreuung von Dissertationen ist eine weitere Kennzahl.

Wie kann man Forschung an der RWU attraktiver machen?

Zum Beispiel, indem es leichter wird, Doktoranden ins Boot zu holen. Dann wird es auch einfacher, mehr zu veröffentlichen, an Konferenzen teilzunehmen. So können wir auch junge Leute stärker in die Forschung mit einbinden.

Kommen wir zum dritten Thema Ihres Prorektorats: Transfer. Neben Lehre und Forschung eine der drei Aufgaben, die uns im Hochschulgesetz zugeschrieben sind. Was ist das genau, Transfer?

Es geht um die Frage, wie wir unser Knowhow nach draußen bringen, ins Umfeld, ins Umland, in die Betriebe, die Gesellschaft. 

Es beginnt bei jedem Einzelnen mit einem internen Transfer: Wie kann ich über die Fakultäten hinweg Menschen zusammenbringen? Und das geht über in einen externen Transfer: Wie kann ich Menschen aus unserer Hochschule mit draußen verbinden, immer in dem Gedanken, Wert zu schaffen für alle Beteiligten. 

Da kommen wir auch wieder zurück auf die angewandte Forschung. Die mittelständischen Unternehmen haben natürlich nicht alle eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Die sollen profitieren von uns, weil wir nehmen uns die Zeit, Fragen in der Tiefe nachzugehen.

Soll auch die Bevölkerung partizipieren? Funktioniert Transfer sozusagen auch B2C oder nur B2B?

Primär müssen wir in Richtung Firmen und Institutionen denken. Also auch Schulen, Krankenhäuser, Ministerien, vielleicht auch das Thema Verteidigung, all das können wir bespielen.

Aber wir erreichen auch einzelne Menschen auf sehr vielfältige Weise. Ich habe mir vorgenommen, einmal im Semester eine Transferveranstaltung zu machen, unseren Themen sozusagen eine Bühne zu bieten.

Sie haben den berufsbegleitenden BWL-Master geleitet. Ist es schwergefallen, das aufzugeben?

Ja, das ist mir nicht leicht gefallen. Wir haben viel aufgebaut und hatten ein tolles Team.

Aber ich habe mich dann für die Hochschule entschieden, und ich kann nicht beides machen. Am Ende war es dann doch eine sachliche Entscheidung.

Ich glaube, das beschreibt mich ganz gut. Ich bin auf der einen Seite ein echt emotionaler Mensch. Und meine BWL-Ausbildung hat mir geholfen, rationale Entscheidungen zu treffen.

Als Prorektorin werden Sie weniger Lehre machen, dafür mehr in Besprechungen sitzen. Wird Ihnen die Arbeit mit den Studierenden fehlen?

Das kann ich am Ende des Sommers besser beantworten. Ich habe mir die Frage auch gestellt, denn ich bin total gerne mit jungen Menschen zusammen.

Deshalb habe ich mich entschieden, beim International Business Project weiterhin dabei zu sein. Das mag unüblich sein, aber ich möchte und werde diese Reise mit den Studierenden weiter mitmachen. Vielleicht ist das auch eine neuere, eine agilere Form für ein Prorektorat.

Wenn es eine Sache gäbe, die Sie in Ihrem ersten Jahr als Prorektorin erreichen wollen, was wäre das?

Dass unsere Ressourcen und Prozesse in der Internationalisierung gut aufgestellt sind. Dazu werden wir entscheiden müssen, was können und wollen wir machen und was nicht. Vielleicht entsteht dadurch ja auch Potenzial, etwas neu oder anders zu machen.

Text:
Christoph Oldenkotte