Professorin Dr. Theresa Breckle aus der Fakultät Maschinenbau und Anja Konzept aus der Fakultät Elektrotechnik und Informatik arbeiten zusammen an einem Forschungsprojekt. Das haben sie im Februar bei einer internationalen Konferenz in New York vorgestellt. Im Interview berichten sie, wofür „ELEVATE“ steht, was eine 12er-Matrix damit zu tun hat und welches Lied in der deutschen Botschaft zum Abschluss einer Konferenz gesungen wird.
Caroline Kolb: Sie beide arbeiten aktuell am Projekt „ELEVATE“. Die Abkürzung steht für „Educational Learning Eco System for apply teaching Experiments”. Was kann ich mir darunter vorstellen?
Anja Konzept: Wir entwickeln ein praxisnahes Wahlfach, in dem wir Wissen über die Entstehung, Nutzung und Speicherung regenerativer Energien vermitteln wollen. Alle Bachelor-Studierenden der RWU können teilnehmen – egal ob sie Soziale Arbeit, BWL oder Maschinenbau studieren. Das war uns wichtig, weil das Thema uns alle betrifft.
Theresa Breckle: Wir haben einfache und sichere Versuche entwickelt, mit denen die Studierenden das Thema selber nachvollziehen können – vom solarbetriebenen Taschenrechner bis hin zum E-Auto.
Wie wird es in der Umsetzung aussehen, wenn Studierende aus so unterschiedlichen Fachrichtungen in derselben Vorlesung zusammenkommen?
Theresa Breckle: Die Veranstaltung ist wie eine 12er-Matrix aufgebaut. Auf der einen Seite haben wir die vier Themenfelder: Energieerzeugung, Energiespeicherung, Energienutzung und das zusammenhängende System, das daraus entsteht. Auf der anderen Seite die drei Gruppen: Anfänger, Fortgeschrittene und Profis. Für jedes Themenfeld gibt es Versuche und Lerninhalte auf allen drei Levels.
Anja Konzept: Wir haben mit Schüler*innen zusammengearbeitet, um den Anfängerteil unserer Vorlesung entwickeln und testen zu können. Der Fortgeschrittenen-Bereich ist für Studierende konzipiert, die vielleicht etwas Technisches studieren und Vorkenntnisse haben. Die letzte Spalte der Matrix ist für die Profis, die aus der Elektrotechnik kommen und ihr Wissen vertiefen wollen.
Theresa Breckle: Ein Vorteil von diesem System ist seine Flexibilität. Wenn jemand zum Beispiel eigentlich Anfänger ist, sich aber mit Energienutzung trotzdem gut auskennt, kann die Person in diesem Bereich die Versuche und Lerninhalte der Fortgeschrittenen bearbeiten. Jeder Einzelne hat seinen oder ihren individuellen Lernpfad durch die Veranstaltung.
Wann starten Sie mit der Veranstaltung?
Anja Konzept: Wir werden die Vorlesung zum ersten Mal in diesem Wintersemester ausrichten – als Probedurchlauf, den wir evaluieren können. Ich denke, dabei wird uns noch einiges auffallen, was wir verbessern können. Danach soll sie hoffentlich jedes Semester stattfinden.
Wer außer Ihnen beiden ist an dem Projekt beteiligt?
Therese Breckle: Professor Dr. André Kaufmann aus der Fakultät Elektrotechnik und Informatik und ein großes Projektteam arbeiten mit uns zusammen an „ELEVATE“. Wir haben Mitarbeitende aus der Mechatronik, aus der Fahrzeugtechnik, aus dem Master Berufliche Bildung und aus der Produktentwicklung im Maschinenbau. Insgesamt sind es sieben Leute, die fest am Projekt arbeiten, plus ein paar Hiwis.
Was hat Sie dazu motiviert, eine ganze Vorlesung zum Thema regenerative Energien zu konzipieren?
Theresa Breckle: Energie und Klimaschutz sind Themen, die die Zukunft bestimmen werden. Darüber aufzuklären und Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, gehört für uns zur Demokratiebildung dazu. Wir wollen die Inhalte so vermitteln, dass die Studierenden danach ihr eigenes Handeln reflektieren und wissen, wo sie im Alltag ansetzen können. Es geht uns darum, einen Gedankenanstoß zu geben, was jeder von uns im Kleinen machen kann.
Anja Konzept: Die Elektromobilität lag uns dabei besonders am Herzen. Das Thema wird irgendwann jeden betreffen, aber viele haben noch Berührungsängste. Wir wollen Mythen aufklären und Sicherheit geben.
Ihr Projekt läuft insgesamt zwei Jahre. Wie finanzieren Sie das?
Theresa Breckle: Wir haben die Idee für „ELEVATE“ als Projektantrag bei „Freiraum“ eingereicht. Das ist die Projektlinie der „Stiftung Innovation in der Hochschullehre“, die Forschungsprojekte finanziell unterstützt. Wir werden für die zwei Jahre mit knapp 400.000 Euro gefördert. Für uns sind das größtenteils Personalmittel, um im Projekt voranzukommen und Wissen aufzubauen. Ich selber hätte als Professorin niemals die Zeit gehabt, mich mit den Themen so zu beschäftigen, wie es jetzt die Mitarbeitenden machen können.
Sie waren im Februar gemeinsam auf einer Konferenz in New York und haben das Projekt dort vor einem internationalen Publikum vorgestellt. Wie kam es dazu?
Theresa Breckle: Genau, wir waren bei der "Bridging Well-Being and (Teacher) Education: A Globalized Perspective to Science Diplomacy". Wir sind über einen unserer Projektmitarbeiter auf die Konferenz aufmerksam geworden. Uns hat besonders der Gedanke gefallen, andere Inputs und Rückmeldungen zu bekommen.
Wie war diese Konferenz im Vergleich zu denen, die Sie vorher in Ihrer wissenschaftlichen Karriere besucht haben?
Theresa Breckle: Es war eine ganz neue Erfahrung für uns. In unserer Welt schreibt man ein Paper und hält dann einen Vortrag zum Paper. In New York wurden zwar auch Vorträge gehalten, aber die Konferenz war in Kooperation mit der UN. Für den ersten Teil des Programms waren wir im UN-Gebäude und konnten bei einer Resolution dabei sein und daran mitarbeiten. Der zweite Teil der Konferenz hat dann an der Columbia University am Teachers College stattgefunden.
Sie haben „ELEVATE“ in New York vor internationalen Kolleg*innen präsentiert. Was haben Sie aus dem Feedback für sich mitgenommen?
Anja Konzept: Wir haben gemerkt, wie wichtig es ist, über Klimawandel und Umweltschutz nicht nur zu reden, sondern Menschen Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie selber aktiv werden können. Man hört oft, dass wir gegen den Klimawandel nicht viel machen können. Dadurch fühlen die Leute sich hilflos.
Theresa Breckle: In Gesprächen mit Lehrkräften aus anderen Teilen der Welt ist mir auch klar geworden, wie frei und wenig eingeschränkt wir in Deutschland in der Wissenschaft und in der Lehre sind und was für ein hohes Gut das ist.
Was ist Ihr Fazit zu der Konferenz?
Theresa Breckle: Die Konferenz war spannend, weil es für uns etwas so anderes war. Alle waren sehr nett und es gab einen großen Frauenanteil, was für uns ungewohnt war. Die Atmosphäre war anders als bei technischen Konferenzen: viel lockerer, offen, nicht so zurückhaltend. In den Meetings hat jeder einfach gesprochen. Die Beiträge waren auch ganz anders aufgebaut als wir es kennen, das liegt an den unterschiedlichen Forschungsarten. Es waren zum Beispiel Psycholog*innen da, die Einzelbeispiele vorgestellt haben. Das würde in unserer Disziplin nie jemand machen.
Was war Ihr persönliches Highlight der New York-Reise?
Anja Konzept: Es war sehr beeindruckend, in das UN-Gebäude reinzugehen und zu erleben, wie dort debattiert wird. Die Chance bekommt man sonst nicht.
Theresa Breckle: An unserem letzten Abend wurden wir in die deutsche Botschaft eingeladen. Da haben uns beim Sektempfang plötzlich zwei auf Schwäbisch angeschwätzt, das war lustig. Aber das Highlight war das Ende des Abends: Alle im Raum haben zusammen „Imagine“ von John Lennon gesungen. Die Atmosphäre war so schön und ich habe mich in dem Moment richtig verbunden gefühlt. Man hat einfach gespürt, dass bei der Konferenz der Mensch im Vordergrund steht.