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Future Sciene University

Projektorientierte Ingenieurslehre neu denken

Prof. Stefan Benke an einem Screen mit Workshop-Teilnehmer*innen
Bildquelle:
RWU, Christoph Oldenkotte

Wie können technische Studiengänge gestaltet werden, damit Studierende nicht nur Fachwissen erwerben, sondern lernen, Verantwortung zu übernehmen, selbstständig zu handeln und gemeinsam komplexe Probleme zu lösen? Mit dieser Frage beschäftigt sich die RWU derzeit im Rahmen des Projekts Future Science University (FSU). Ziel ist die Entwicklung eines neuen projektorientierten Ingenieurstudiengangs, der technische Fachlichkeit mit Future Skills, Teamarbeit und Eigenverantwortung verbindet.

Um hierfür Impulse aus der Praxis zu gewinnen, begrüßte die RWU kürzlich Professor Dr. Stefan Benke von der TH Köln. Er leitet dort den Studiengang MPEC – Maschinenbau, Product Engineering and Context, der als eines der bekanntesten Beispiele projektorientierter Ingenieurslehre im deutschsprachigen Raum gilt. Gemeinsam mit Mitgliedern des Arbeits- und Lenkungskreises, dem professoralen Expertenkreis sowie weiteren Interessierten aus der Hochschule wurde einen Tag lang diskutiert, gearbeitet und reflektiert.

Lernen durch Perspektivwechsel

Der Vormittag begann mit einem Austausch zwischen Stefan Benke und dem Team der Hochschuldidaktik. Im Mittelpunkt standen die Arbeitsweisen und Kommunikationsstrukturen der beiden Projekte MPEC und FSU. Diskutiert wurde unter anderem, wie Zusammenarbeit in den Teams organisiert wird, welche Formate sich bewährt haben und wie Entwicklungsprozesse in einem projektorientierten Umfeld gestaltet werden können.

Im anschließenden Arbeitsworkshop mit dem Expertenkreis wurde bewusst die Perspektive der Studierenden eingenommen. Anhand einer konkreten Aufgabenstellung konnten die Teilnehmenden selbst erleben, wie Studierende im MPEC-Studiengang an offene Problemstellungen herangeführt werden. Die Erfahrung bot einen unmittelbaren Einblick in projektorientiertes Lernen und führte zu zentralen Fragen: Welche Fähigkeiten benötigen Studierende, um in solchen Situationen handlungsfähig zu bleiben? Welche Formen der Zusammenarbeit, Kommunikation und Reflexion sind dafür erforderlich?

Am Nachmittag stellte Stefan Benke den MPEC-Studiengang einer breiteren Hochschulöffentlichkeit vor und berichtete von Erfahrungen, Erfolgen und Herausforderungen bei der Umsetzung projektorientierter Ingenieurslehre. Im anschließenden Workshop wurde gemeinsam diskutiert, wie ein vergleichbarer Studiengang an der RWU nicht nur formal eingerichtet, sondern langfristig von Studierenden, Lehrenden, Mitarbeitenden und Hochschule getragen werden kann.

Drei zentrale Erkenntnisse

Aus den Gesprächen und Diskussionen kristallisierten sich drei zentrale Erkenntnisse heraus.

1. Projektorientierte Lehre funktioniert – und begeistert

Eine der stärksten Botschaften des Tages war die Bestätigung, dass projektorientierte Lehre nicht nur möglich ist, sondern sowohl Studierenden als auch Lehrenden neue Motivation und Freude am Lernen vermittelt. Studierende erleben ihre Arbeit als sinnhaft und wirksam, weil sie an realen Fragestellungen arbeiten und Verantwortung übernehmen können. Gleichzeitig berichten Lehrende von einer veränderten Rolle: weg von der reinen Wissensvermittlung, hin zur Begleitung von Lern- und Entwicklungsprozessen. Das Ergebnis sind hohe Eigeninitiative, starke Identifikation mit dem Studium und eine bemerkenswerte Lernkultur.

2. Die eigentliche Grundlage entsteht durch Sozialisation

Besonders eindrücklich war die Erkenntnis, dass der Erfolg projektorientierter Studiengänge zunächst weniger von fachlichen Inhalten als von gemeinsamen Arbeits- und Lernweisen abhängt. Zu Beginn des Studiums investieren die Lehrenden daher viel Zeit in die Sozialisation der Studierenden: Wie arbeitet man in Teams? Wie kommuniziert man konstruktiv? Wie geht man mit Unsicherheit, Konflikten oder Rückschlägen um? Wie reflektiert man das eigene Lernen?

Zentrale Bedeutung haben dabei kontinuierliche Reflexionsgespräche. Sie schaffen Orientierung, fördern Selbstwirksamkeit und unterstützen die Entwicklung einer Haltung, mit der sich Studierende eigenständig neue Themen erschließen können. Im Laufe des Studiums tritt die intensive fachliche Anleitung zunehmend in den Hintergrund. Die Studierenden lernen, sich Wissen selbstständig anzueignen und komplexe Problemstellungen eigenverantwortlich zu bearbeiten. Die Reflexion bleibt jedoch ein zentrales Element der Begleitung.

3. Partizipation bedeutet gemeinsames Lernen am Studium selbst

Ein besonders bemerkenswerter Aspekt des MPEC-Studiengangs ist die konsequente Beteiligung von Studierenden an der Weiterentwicklung des Curriculums. Zu Beginn bestand bei Studierenden und Lehrenden gleichermaßen die Unsicherheit, ob die projektorientiert ausgebildeten Studierenden fachlich mit Absolventinnen und Absolventen klassischer Ingenieurstudiengänge mithalten können.

Um dies zu überprüfen, wurden in höheren Semestern wieder verstärkt klassische Vorlesungen und Seminare integriert. Die Erfahrungen zeigten jedoch, dass die Studierenden nicht nur mithalten konnten, sondern häufig über stärker ausgeprägte Fähigkeiten in den Bereichen Problemlösung, Selbstorganisation und Teamarbeit verfügten. Aus dieser gemeinsamen Lernerfahrung heraus entwickelten Studierende und Lehrende den Studiengang weiter und passten das Curriculum gemeinsam an.

Partizipation bedeutete hier nicht lediglich Mitsprache, sondern einen gemeinsamen Lernprozess über die Frage, wie Studium gestaltet werden sollte. Gerade darin liegt ein wichtiger Impuls für die Entwicklung des FSU-Studiengangs an der RWU.

Ausblick

Der Workshop-Tag hat deutlich gemacht, dass projektorientierte Ingenieurslehre vor allem eine andere Lernkultur hervorbringt. Studierende lernen früh, Verantwortung für ihren Lernprozess zu übernehmen, konstruktiv im Team zu arbeiten und Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen. Lehrende werden dabei stärker zu Begleitern von Entwicklungsprozessen. So entstehen neue Formen des Miteinanders, die weit über die Vermittlung fachlicher Inhalte hinausgehen.

Für das FSU-Projekt lieferte der Austausch wertvolle Anregungen für die weitere Entwicklung des Studiengangs – und bestärkte alle Beteiligten darin mutig voranzuschreiten.

Text:
Martin Preußentanz / Christoph Oldenkotte