Im Januar 2026 erschien das Buch „Praktische Ausbildung in High-Care-Bereichen – Berufspädagogische Anleitung und situationsorientierte Lehre“. Es vereint Beiträge verschiedener Autor*innen, oft mit Bezug zur RWU. Im Interview sprechen Georg Roth – Mitherausgeber und Absolvent des ehemaligen RWU-Studiengangs Pflegepädagogik – und RWU-Professor Dr. Jörg Wendorff, Mitautor, über die Inhalte des Buches und die Bedeutung für die Praxis.
Kathrin Wöhrle: Um erstmal den Begriff zu klären – was genau ist der High-Care-Bereich und an wen richtet sich das Buch?
Georg Roth: High-Care-Bereiche sind Spezialbereiche von Kliniken. Dazu zählen die Intensiv- und Palliativpflege, Notaufnahmen, OPs und Anästhesie sowie die Psychiatrie. In den allgemeinen Kursen kommen spezielle Fachkräfte wie zum Beispiel operationstechnische Assistent*innen häufig zu kurz. Aber genau in diesen High-Care-Bereichen braucht es andere Kompetenzen als auf normalen Stationen. Im Fachbuch behandeln wir die Ausbildung von Praxisanleitungen in diesen Bereichen, also sozusagen die Ausbildung der Ausbilder*innen. Und für die ist das Buch gedacht.
Gibt es dazu nicht schon jede Menge Literatur?
Georg Roth: Es gibt kaum Literatur, die diese unterschiedlichen Bereiche zusammenbringt. Aber genau das wird immer mehr ein Thema: die Vernetzung der Disziplinen. Da gibt es ganz viele Schnittstellen, zum Beispiel psychiatrische Patient*innen in der Notaufnahme.
Welche Herausforderungen gibt es im High-Care-Bereich, und wie greift das Buch diese auf?
Georg Roth: Die Herausforderungen sind mehrdimensional: Heterogene Auszubildende, Sprachbarrieren, unterschiedliche Lernherausforderungen, Selbstorganisation oder psychische Problematiken bei jungen Menschen spielen zunehmend eine Rolle. Zudem geht es darum, Nachwuchskräfte zu gewinnen, die langfristig im Beruf bleiben. Dafür müssen ausreichend Zeit, als auch das Wissen über Didaktik und Methodik von den Praxisanleitungen vorhanden sein.
Jörg Wendorff: Auch die Interkulturalität spielt eine wichtige Rolle. Es sind zunehmend Menschen aus dem Ausland in Pflegeberufen tätig. Es ist gut, wenn sie hier ausgebildet werden. Auf der anderen Seite werden die Patient*innen immer älter, haben multiple Erkrankungen. Daher brauchen wir eine immer bessere Ausbildung. Das Buch trägt zur Professionalisierung bei.
Georg Roth: Das Metathema ist der Verbleib im Job. Das ist das Hauptziel einer Institution. Dazu braucht es die entsprechenden Ausbilder*innen, sodass die Menschen sagen: „Ja, hier bleibe ich“ – und das länger als die durchschnittlichen acht Jahre.
Wie ist das Buch aufgebaut?
Jörg Wendorff: Wir starten mit den Grundlagen der Pädagogik, der Didaktik und dem Lernfeldansatz – also mit meinem Beitrag zum Buch. Fortgeschrittene können Inhalte direkt nach ihren Interessen auswählen. Es ist kein Buch, das man von vorne bis hinten durchliest, sondern eher nach Schwerpunkten bearbeitet.
Georg Roth: Im Buch nutzen wir den situationsorientierten Ansatz: Ein zentrales Element sind dabei die Fallbeispiele. Jede Lerneinheit beginnt mit einer praxisnahen Situation, in der sich die Leser*innen wiederfinden. Darauf aufbauend werden methodische Schritte erklärt, und am Ende stehen konkrete Handlungsansätze für die Praxis. Praxisanleiter*innen lernen dabei, wie sie ihr Handeln fachlich und ethisch begründen – genau wie sie es ihren Auszubildenden vermitteln sollen.
Jörg Wendorff: Früher wurde dagegen viel intuitiv gearbeitet, etwa im Rettungsdienst. Heute ist die Arbeit wissenschaftlich fundierter und systematisiert. Das Buch verbindet Praxisnähe mit wissenschaftlicher Grundlage.
Sie haben den Lernfeldansatz angesprochen. Was ist damit gemeint?
Jörg Wendorff: Im Lernfeldansatz geht es darum, dass verschiedene Disziplinen zusammengedacht werden: Wer kann einen Beitrag leisten aus der Medizin, aus der Pädagogik, aus der Pflege? Im Idealfall hat man Lehrkräfte, die sich über ihren Unterricht hinaus absprechen, um Überschneidungen zwischen den Disziplinen herzustellen und verschiedene Perspektiven zusammenzubringen.
Welche weiteren Aspekte behandeln Sie in dem Buch?
Georg Roth: Uns ist es zudem wichtig die Ausbilder*innen zu stärken: Gesundheitsförderung, Mindset, Haltung und Humor spielen ebenfalls eine Rolle. Gerade beim Humor geht es nicht um Witze, eher um eine optimistisch-positive Haltung – eine empathische Beziehung oder die Beziehungspflege zu jungen Menschen. Um Menschen langfristig an so einen Betrieb zu binden, braucht es das richtige Mindset als Ausbilder*in.
Jörg Wendorff: Da ist vor allem die Augenhöhe entscheidend – trotz Alters- oder Hierarchieunterschied. Die Bereitschaft, sich auf Diskussionen einzulassen und zu lernen, ist damit deutlich größer. Hochnäsige Belehrungen nach dem Motto „Ich bin der Guru, ihr müsst das lernen“ funktionieren nicht – gelernt wird das, was als sinnvoll erachtet wird. Es braucht dabei eine gute Balance zwischen Unterstützung und Selbstständigkeit der jungen Menschen.
Welche Rolle spielen dabei die unterschiedlichen Generationen im Ausbildungsalltag?
Jörg Wendorff: Generationen haben unterschiedliche Stärken, aber ein gegenseitiger Defizit-Blick macht alles kaputt. Ältere sagen oft, die Jüngeren müssen zuerst etwas leisten, die Jüngeren reagieren mit: „Was wollt ihr uns sagen?“ Das löst keine Probleme. Ältere Fachkräfte sollten die Innovationsideen der Jüngeren wertschätzen, die Jüngeren die Erfahrung der Älteren anerkennen. Gegenseitiger Respekt statt Mauern ermöglicht Zusammenarbeit und professionelle Ausbildung.
Georg Roth: Auch die Art und Weise, wie wir Aus-, Fort- und Weiterbildung gestalten, sollte heute anders sein. Tools und vor allem das Handy dürfen nicht verteufelt werden. Sie lassen sich sinnvoll integrieren durch kurze Lerneinheiten oder Simulationen: Zum Beispiel werden im Room of Horror Fehler, wie Sturzgefahren in die Räume eingebaut und diese müssen mit einer App gesucht werden. Im Meta-Hospital dreht sich alles um virtuelle Realität. Dabei handelt es sich um Kliniken mit Spezialbereichen, wie der Operationspflege, in denen Ausbildungseinheiten mithilfe virtueller Szenarien anschaulich vermittelt werden.
Das Buch vereint viele Fachexpertisen – wie sind die einzelnen Beiträge zustande gekommen?
Georg Roth: Der Input entstand durch Kontakte aus unserem deutsch-schweizerischen Netzwerk. Alle, die ein Fachkapitel beigesteuert haben, kommen aus der Praxis und sind selbst Ausbilder*innen. Jörg Wendorff haben wir zum Beispiel gewählt, da er als ehemaliger Studiengangsleiter der Pflegepädagogik die Expertise für den Beitrag zur Bildungspädagogik liefern konnte.
Zum Abschluss: Was ist für Sie beide persönlich die wichtigste Botschaft dieses Buches?
Georg Roth: Für mich ist das die Vernetzung der High-Care-Bereiche. Wir können nicht mehr singulär denken. Und es ist ein wichtiges Signal für die High-Care-Bereiche und eine ganz praktische Hilfestellung in den herausfordernden Zeiten für und in der Berufsbildung.
Jörg Wendorff: Für mich ist das Buch eine Art Vermächtnis des vor Jahren eingestellten Studiengangs Pflegepädagogik. Das damals entstandene Netzwerk besteht bis heute fort. Ehemalige Studierende sowie aktuelle und frühere Mitarbeitende der RWU tragen das erworbene Wissen in die Praxis und nach außen. Es zeigt, dass die Ausbildung und Vernetzung von Fachkräften langfristig Wirkung entfalten kann und sie verbessert den High-Care-Bereich nachhaltig.