Ein Gespräch mit Fabienne Sorg, Absolventin im Studiengang Internet und Online-Marketing an der Hochschule Ravensburg-Weingarten.
Fabienne Sorg hat in ihrer Bachelorarbeit eine Frage untersucht, die viele Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen umtreibt und die zugleich in der Forschung lange übersehen wurde: Was macht die tägliche Nutzung sozialer Medien mit dem Selbstbild von Kindern im Alter zwischen acht und zwölf Jahren?
Das Ergebnis ist eine empirische Umfrage mit 126 Grundschülerinnen und Grundschülern aus der Region und sie liefert Befunde, die nachdenklich machen.
Warum ausgerechnet diese Altersgruppe?
Die meiste Forschung zu sozialen Medien und psychischem Wohlbefinden konzentriert sich auf Jugendliche. Dabei zeigen aktuelle Daten der KIM-Studie 2024, dass bereits fast die Hälfte der Kinder zwischen sechs und dreizehn Jahren ein eigenes Smartphone besitzt – im Durchschnitt erhalten Kinder ihr erstes Gerät mit rund achteinhalb Jahren. 60 Prozent nutzen täglich WhatsApp, TikTok und YouTube gehören zu den beliebtesten Apps dieser Altersgruppe.
Soziale Medien sind also längst Teil des Alltags von Kindern, häufig noch bevor sie das gesetzlich vorgesehene Mindestalter für die Nutzung vieler Plattformen erreicht haben. Die Frage, was das in einer Entwicklungsphase auslöst, in der Selbstwert, Selbstbild und Körperwahrnehmung noch im Aufbau sind, war der Ausgangspunkt ihrer Arbeit.
Was wurde untersucht?
Im Mittelpunkt standen drei Forschungsfragen:
- Welchen Einfluss haben idealisierte Darstellungen in sozialen Medien auf die Körperwahrnehmung von Kindern zwischen acht und zwölf Jahren?
- Gibt es geschlechterspezifische Unterschiede in der Wahrnehmung und Wirkung?
- Welche Rolle spielen Nutzungsdauer und -intensität?
Um diesen Forschungsfragen nachzugehen, wurde ein eigens entwickelter, kindgerechter Fragebogen eingesetzt. Analog, in einfacher Sprache, mit unterstützenden Symbolen. Sieben Schulklassen an zwei Gesamtschulen in der Region wurden befragt, die Auswertung erfolgte quantitativ mit deskriptiven und vergleichenden Analysen.
Soziale Medien prägen das Körperbild früher als erwartet.
Das Überraschendste an den Ergebnissen war weniger die Richtung als der Zeitpunkt: Die Effekte zeigten sich bereits bei Acht- bis Zwölfjährigen, also deutlich früher, als die bisherige Forschung vermuten ließ.
Kinder mit Social-Media-Nutzung bewerteten ihr Aussehen im Durchschnitt kritischer als Kinder ohne. Sie äußerten häufiger den Wunsch, anders auszusehen, und gaben öfter an, sich beim Anblick medialer Inhalte zu denken: „So möchte ich auch aussehen." Besonders auffällig war ein Verhaltensindikator: Während 75,7 Prozent der Social-Media-Nutzerinnen und -Nutzer bereits ein Foto von sich gelöscht hatten, weil sie sich darauf nicht gut fanden, traf das auf 48 Prozent der Kinder ohne Social-Media-Nutzung zu.
Dabei blieben die gemessenen Werte insgesamt im moderaten Bereich. Die Mehrheit der Kinder ist grundsätzlich mit sich zufrieden. Die Verschiebungen sind subtil, aber konsistent.

Autonomie als Verstärkungsfaktor
Ein besonders interessanter Befund betrifft die Rolle der elterlichen Kontrolle. Kinder, die selbst entscheiden dürfen, wie lange sie am Handy sind, wiesen deutlich höhere Unzufriedenheitswerte auf, als Kinder mit stärkerer Nutzungsregulierung. Der Zusammenhang war linear: Je mehr Autonomie über die Bildschirmzeit, desto kritischer die Selbstwahrnehmung.
Das deutet darauf hin, dass nicht allein die Plattform das Problem ist, sondern wie selbstbestimmt und unkontrolliert der Zugang erfolgt.
Mädchen sind stärker betroffen
Die geschlechterspezifischen Unterschiede waren eines der deutlichsten Ergebnisse der Umfrage. Mädchen wünschen sich in der Gesamtstichprobe häufiger, anders auszusehen (Mittelwert 2,21 gegenüber 1,74 bei Jungen). In der Gruppe der Social-Media-Nutzerinnen verstärkt sich dieser Abstand noch einmal erheblich.
Mädchen mit Social-Media-Erfahrung verwenden deutlich häufiger Filter, legen größeren Wert auf ihr Erscheinungsbild auf Fotos und löschen öfter Bilder von sich. Besonders markant: Der Anteil der Mädchen ohne Social Media, die bereits ein Foto gelöscht haben, lag bei 30 Prozent – bei Mädchen mit Social-Media-Nutzung stieg dieser Wert auf 80,6 Prozent.
Die Erklärung liegt in einer Kombination gesellschaftlicher und algorithmischer Faktoren: Mädchen werden früher und intensiver mit Schönheitsnormen konfrontiert. Soziale Medien verstärken das durch personalisierte Feeds, die auf körperbezogene Inhalte optimiert sind.
Jungen hingegen zeigten kaum einen Zusammenhang zwischen Nutzungsintensität und Körperunzufriedenheit, möglicherweise weil sie andere Vergleichsdimensionen heranziehen, etwa Leistung oder Gaming, und seltener mit idealisierten Körperdarstellungen konfrontiert werden.
Theoretischer Hintergrund: Was erklärt das?
Die Befunde lassen sich gut mit drei klassischen Theorien der Medienwirkungsforschung einordnen:
Die Theorie sozialer Vergleiche nach Festinger erklärt, warum der Kontakt zu idealisierten Darstellungen automatisch Vergleichsprozesse auslöst. In sozialen Netzwerken sind diese Vergleiche allgegenwärtig und treffen dabei auf Kinder, die noch kein stabiles Selbstkonzept haben.
Die Kultivierungshypothese nach Gerbner beschreibt, wie wiederholter Medienkonsum das Bild von „Normalität" verschiebt. Wer täglich perfekt gefilterte Körper sieht, beginnt, diese als Maßstab zu internalisieren, und das bereits im Grundschulalter.
Schließlich zeigt die Agenda-Setting-Theorie, dass algorithmisch gesteuerte Plattformen bestimmte Themen in den Vordergrund rücken. Schönheit, Attraktivität und Selbstinszenierung sind auf Instagram, TikTok und Snapchat besonders präsent und prägen so die Aufmerksamkeit junger Nutzerinnen und Nutzer.
Was folgt daraus?
Die Umfrage liefert keine Antwort auf die Frage, ob soziale Medien für Kinder verboten gehören. Sie zeigt aber: Frühzeitige Begleitung macht einen Unterschied.
Medienpädagogische Empfehlungen richten sich sowohl an Schulen als auch an Elternhäuser. Kinder brauchen keine technische Schulung, sondern Reflexionsfähigkeit, die Fähigkeit, idealisierte Darstellungen einzuordnen, Filtereinsatz zu erkennen und soziale Vergleichsprozesse bewusst zu hinterfragen.
Die Eltern spielen dabei eine Schlüsselrolle. Als Vorbilder im eigenen Medienverhalten, als Gesprächspartner über konsumierte Inhalte und als Instanz, die sinnvolle Grenzen setzt. Die EU-Initiative „klicksafe" empfiehlt für Sieben- bis Zehnjährige eine tägliche Bildschirmzeit von maximal 60 Minuten.
Und der Zeitpunkt dieser Unterstützung sollte nicht erst die Pubertät sein, dies zeigen die Ergebnisse dieser Arbeit deutlich.
Grenzen der Studie und Ausblick
Die Untersuchung ist eine Querschnittsstudie an zwei Schulen, sie bildet eine Momentaufnahme, keine Kausalbeziehung. Ob intensivere Mediennutzung zu einem negativeren Körperbild führt oder ob Kinder mit ohnehin geringerem Selbstwert stärker zu sozialen Medien tendieren, lässt sich auf dieser Basis nicht ableiten.
Für zukünftige Forschung wären Längsschnittdesigns wichtig, ergänzt durch qualitative Methoden und stärkere Differenzierung nach Plattform, Nutzungsart und soziokulturellem Kontext.
Fabienne Sorg schloss ihren Bachelor im Studiengang Internet und Online-Marketing an der Hochschule Ravensburg-Weingarten im Dezember 2025 ab. Betreut wurde die Arbeit von Prof. Dr. Bela Mutschler.