"Wenn der Mensch zur Ware wird"
Julia Wege ist seit 2021 Professorin an der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der RWU. 2024 übernahm sie die Aufgabe der Fachberatung in Bezug auf das Rotlichtmilieu bei der Produktion des NDR-Krimis „Polizeiruf 110: Sie haben Namen“.
Am 1. November um 20:15 wird die Folge ausgestrahlt und ist über die Mediathek der ARD zu sehen.
Victoria Dimeo: Wie kamen Sie dazu an der Produktion von „Polizeiruf 110: Sie haben Namen“ mitzuwirken und was haben Sie dort konkret gemacht?
Professorin Dr. Julia Wege: Florian Oeller, der unter anderem Drehbücher für den Tatort und den Polizeiruf schreibt, hat mich kontaktiert, weil er über das Thema Prostitution recherchierte und dabei auf meine Doktorarbeit gestoßen ist. Für diese hatte ich mit Frauen in der Prostitution Interviews geführt. Er hat mich gefragt, ob wir uns telefonisch austauschen könnten, daraus wurde ein Gespräch von zwei Stunden. Danach hat er mir den Entwurf seines Drehbuchs geschickt.
Wie ging es dann weiter?
Ich habe Stellen im Drehbuch kommentiert und alle Anmerkungen mit Quellen, Studien, Zahlen belegt. Damit konnte ich dem Autor den Rücken stärken, weil vieles nicht geglaubt wird, hinsichtlich der Hintergründe im Rotlichtmilieu. Florian Oeller hat dann beim NDR vorgeschlagen, dass ich die Fachberatung in der Produktion übernehme. Im Anschluss erhielt ich den offiziellen Auftrag, als Ansprechpartnerin für die Regisseurin, die Produzentin und auch für die Schauspieler*innen zu fungieren. Meine Hauptaufgabe bestand aber zunächst darin, eine fachliche Stellungnahme zu dem Drehbuch zu schreiben. Ich musste alle Szenen bewerten, im Hinblick auf Redewendungen und inhaltliche Details. Ist es stimmig? Ist es zu übertrieben? Ist es realistisch? Wie sind die Aussagen unter den Frauen? Ich habe die Arbeit der Produktion fast zwei Jahre lang seit 2022 unterstützt.
Können Sie ein Beispiel nennen für solche inhaltlichen Details?
Zum Beispiel sind viele der Frauen von ihrem Zuhälter gebrandet. Das heißt, sie haben ein Tattoo und man erkennt, zu welchem Zuhälter die Frauen gehören. Das funktioniert wie ein Etikett, wodurch der Mensch zur Ware wird. Ich musste dann nochmal Rücksprache mit dem LKA halten, ob es zum Beispiel eine Art Tattoo-Register gibt.
Was war ihr Highlight während des Drehs?
Das Highlight am Set waren die Gespräche mit den beiden Schauspielerinnen Anneke Kim Sarnau und Lina Beckmann, die die Kommissarinnen Katrin König und Melly Böwe spielen. Sie haben erzählt, wie sie sich auf das Thema vorbereitet haben. Sie fanden es bewegend und dramatisch, sich diesem Tabuthema zu nähern. Und sie waren auch echt verärgert, weil die politischen Akteur*innen und die Gesellschaft viel stärker Stellung zur Thematik beziehen müssten. Es freut mich und ich bin auch stolz drauf, dass ich angefragt wurde, mit meiner fachlichen Expertise an der Folge mitzuarbeiten.
Waren Sie nach Abschluss des Drehs noch weiter an der Post-Produktion des Polizeirufs 112 beteiligt?
Nein, der Abschluss meiner Mitarbeit war der Dreh in Hamburg.
Welche Resonanzen erhoffen Sie sich nach der Ausstrahlung? Haben Sie bereits Reaktionen bemerkt?
Ich hoffe, dass der Film eine breite gesellschaftliche Debatte über Prostitution, Gewalt und sexuelle Ausbeutung anstößt. Viele Menschen haben nach wie vor ein verzerrtes Bild von den Lebensrealitäten betroffener Frauen. Der Polizeiruf 110 bietet die Chance, ein Millionenpublikum zu erreichen und für diese Problematik zu sensibilisieren. Besonders wichtig wäre mir, dass daraus auch politische Diskussionen und konkrete Veränderungen entstehen.
Wo kann man sich weiter informieren oder engagieren?
Eine gute Anlaufstelle sind spezialisierte Fachberatungsstellen, beispielsweise die Beratungsstelle Amalie in Mannheim, die ich 2012 gegründet habe. In Ravensburg und Friedrichshafen gibt es zudem Arkade e. V. Bundesweit bieten der Koordinierungskreis gegen Menschenhandel oder auch Terre des Femmes fundierte Informationen. Ich empfehle, sich auch in der eigenen Stadt nach Beratungsstellen und Initiativen zu erkundigen. Dort kann man sich häufig ehrenamtlich, durch Spenden oder Öffentlichkeitsarbeit engagieren.
Fließen Ihre Erfahrungen aus der Fachberatung in Ihre Lehre an der RWU ein?
Selbstverständlich. Die Verbindung von Wissenschaft und Praxis ist ein zentraler Bestandteil meiner Lehre. Ich möchte den Studierenden vermitteln, dass Soziale Arbeit weit über klassische Tätigkeitsfelder hinaus gesellschaftliche Veränderungen anstoßen kann.