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Europatag

Europäische Idee leben und erleben

Die sieben Teilnehmer der Podiumsdiskussion haben sich zum Gruppenbild versammelt.
Quelle:
Christoph Oldenkotte

Gut gestärkt mit einem Mittagessen von „Spätzle mit Soul“ konnte der Europatag an der Hochschule Ravensburg-Weingarten starten. Mit verschiedenen Aktionen sollte der Wert von Europa als Friedens- und Wohlstandsprojekt vermittelt werden. Über Europa nachdenken und reden - das stand im Fokus des bunt gemischten Veranstaltungsprogramms, welches am Abend mit einem Poetry Slam endete.

Sich spielerisch mit Europas Grenzen auseinandersetzen

Einen ersten Anstoß zum Nachdenken bot die Künstlergruppe „Die Humankapitalisten“ aus Vorarlberg mit ihrer Aktion im Foyer der Hochschule rund um die Frage „Wer oder was ist Europa?“. Mit roten Absperrbändern, wie man sie von Flughäfen kennt, hatten die drei Künstler mit grünen Arbeitskitteln und schwarzen Brillen - ihrem Markenzeichen - das Wort „Europa“ geformt. Studierende und andere Interessierte waren nun eingeladen, die durch die Bänder entstandenen aber flexiblen Grenzen von Europa entsprechend ihrer persönlichen Vorstellung zu verändern. Marina Schneider, Mitarbeiterin im Studierendenservice der Hochschule, schiebt die Bänder zur Seite, sodass ein offener Durchgang entsteht. „Mein Gedanke war dabei, dass ich das offene Europa so schätze. Dass das Reisen so einfach ist. Ich hoffe, das bleibt so“, erklärt sie.

Mobil durch die EU

Um Reisemöglichkeiten in der EU für Studierende, Mitarbeitende und Lehrende der Hochschule ging es auch am Infostand ERASMUS + und im Europa Café. Während sich Studierende beim Stand des International Office über Angebote für ein Auslandsstudium oder Auslandspraktikum informieren konnten, hatten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Lehrende der Hochschule im Europa Café die Gelegenheit, sich über ihre Auslandserfahrungen im Rahmen der Personalmobilität auszutauschen und andere Kolleginnen und Kollegen dafür zu motivieren. Auch die Organisatorin des Europa Cafés, Christine Lauer, Referentin für Gleichstellung und Staff Mobility, stand für Fragen von interessierten Kolleginnen und Kollegen bereit.

Was es bedeutet, in einem europäischen Land zu studieren – damit hatten sich ausländische Studierende der Hochschule im Vorfeld des Europatags auseinandergesetzt. In Texten, die sie im Rahmen ihrer Deutschkurse am CLIC-Sprachenzentrum der Hochschule verfasst haben, schrieben sie über ihre Erwartungen, Eindrücke und Erlebnisse im neuen Zuhause Deutschland bzw. Oberschwaben. „Deutschland ist das Land der Möglichkeiten, hier gibt es viel zu tun. Deutschland ist das Amerika von Europa für mich“, schreibt zum Beispiel Alexandru T.

Podiumsdiskussion mit Europaminister Guido Wolf

Schließlich konnte die Hochschule den für das Thema Europa zuständigen Minister des Landes Baden-Württemberg begrüßen. Der in Weingarten aufgewachsene Guido Wolf war Teil der Podiumsdiskussion unter dem Titel „Europäer/in gesucht“. Anja Twardokus, Studentin der Sozialen Arbeit und studentisches Mitglied im Senat der Hochschule, Dr. Berthold Broll, Vorstand der Stiftung Liebenau und Maurizio Gasperi, Inhaber von Managecon und Leiter des Regionalforums Baden-Württemberg im deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik vervollständigten die Runde.

Professorin Dr. Theresia Simon begrüßte die Gäste der Podiumsdiskussion mit dem Hinweis, dass aktuell junge Menschen aus 76 Nationen, darunter 26 europäische Länder, an der Hochschule in Weingarten studieren. "Dadurch sind wir schon per se international", so die Prorektorin für Studium, Didaktik und Qualitätsmanagement und Initiatorin des Europatags.

Über Smartphone durchgeführte Umfrage ergänzt Diskussion

Auch das Publikum konnte sich direkt an der Diskussion beteiligen. So wurde gleich zu Beginn nach dem „aktuellen Zustand Europas“ gefragt. Die über Smartphones durchgeführte Umfrage ergab, dass 70 Prozent der anwesenden Europa ein „befriedigend“ bzw. „ausreichend“ ins Zeugnis schreiben würden. Nur 18 Prozent vergaben die Note „gut“.
„Dieses Ergebnis entspricht meiner Einschätzung“, sagte Minister Wolf, und sprach als zentrale gegenwärtige Herausforderung die Flüchtlingsfrage an. Es müsse eine europäische Lösung geben. Doch das Verständnis in der Bevölkerung schwinde, wenn es zu lange dauert. Dann müsse man eine Regierungsbildung in Italien beobachten, die – so Wolf – „mit Europa nichts Gutes im Sinn hat.“

Professor Dr. Maik Winter, der die Diskussion im Foyer des Hochschul-Hauptgebäudes moderierte, stellte die Frage in den Raum, ob nicht in einer Angleichung der sehr unterschiedlichen Lebensstandards ein Mittel für den europäischen Zusammenhalt zu sehen sei. „Das würde die EU überfordern“, erwiderte Broll. Stattdessen müsse Europa auf Recht und Werten basieren. Demgegenüber sei eine Betonung der Regionalitäten zu stärken. Die Menschen sehnten sich nach Heimat, nach regionalen Identitäten, so Broll. „Der Trend zu Dirndl und Lederhosen war noch vor einer Generation undenkbar“. Übertragen auf eine europäische Sozialpolitik heiße das, dass es nicht eine identische Struktur für Pflegeheime von Skandinavien bis Sizilien geben kann.

Regionalität speziell im kulturellen und wirtschaftlichen Bereich war auch eines der Themen bei einem der Podiumsdiskussion vorangegangenen Workshops. Unter dem Motto „Europa verantwortungsvoll gelebt“ hatte Maurizio Gasperi zur Diskussion eingeladen. Dass kein Widerspruch zwischen Regionalität und dem Europagedanke bestehe, war hier ein Teil des Fazits.

„Austausch die beste Garantie, dass ein überzeugter Europäer auch lebenslang ein solcher bleibt.“

Ein weiterer Gedanke für die Zukunft Europas, der nicht nur in den Workshops am Nachmittag, sondern auch im Laufe der großen Podiumsdiskussionen immer wieder fiel, war die Wichtigkeit des Austauschs. So brachte Anja Twardokus den Vorschlag eines „Free Interrail Tickets“ ein. „Mehr voneinander zu wissen, ist der entscheidende Schlüssel, sich besser zu verstehen“, betonte Broll. Bereits bei seinem Workshop am Nachmittag mit dem Thema „Europäische Sozialpolitik“ hatte der Vorstand der Stiftung Liebenau den Austausch in den Mittelpunkt gestellt: „Wir sind ganz am Rande von Deutschland, aber mitten in Europa. Es ist wichtig über die Grenzen hinauszuschauen, denn dieser Austausch bringt uns weiter.“ Und auch Minister Wolf warnte vor überheblichen Positionen und sah im „Austausch die beste Garantie, dass ein überzeugter Europäer auch lebenslang ein solcher bleibt.“

Dichterwettstreit: Poetry Slammer erzählen ihre Anekdoten zu Europa

Im Anschluss an die Diskussionsrunde wurden die Tische von der Bühne geräumt und nach einer musikalischen Einlage von Franziska Groß und Roman Muth übernahmen die Poeten das Podium. In einer ersten Runde sollten die fünf Teilnehmer des Dichterwettstreits einen Text zu dem Thema Europa vortragen. Moderator Wolfgang Heyer erklärte die Regeln: „Die Texte müssen selbst geschrieben sein. Das Zeitlimit für den Vortrag beträgt sechs Minuten. Und es dürfen keine Requisiten zum Einsatz kommen.“

Als erster Betrat Marius Loy die Bühne und brannte mit seinem Text „Danke, gut“ sogleich ein wahres Feuerwerk aus Assoziationen, Bezügen und Reimen ab. Jay-Man aus Wangen packte anschließend tausendjährige europäische Geschichte in fünf Minuten. Pointe dabei: Der Anfang von allem war ein Migrant.

Der baden-württembergische Slam-Meister und deutsche Vizemeister Nik Salsflausen erzählte anhand eines Stromausfalls am Hauptbahnhof Hannover die Zivilisationsgeschichte nach, von vorstaatlichen und Stammesstrukturen, von Verteilungs- und Machtkämpfen über religiöse Demut und Aufklärung bis hin zu Industrialisierung und der rettenden Dampflokomotive.

Meral Ziegler begab sich in ihrem Text auf die Suche nach „Antworten eines Multikultikindes“. Und am Ende stand doch wieder eine Frage: „Warum ich keine Deutsche sein darf und trotzdem eine bin.“ Der fünfte Slammer gab an diesem sein Debüt: Christian Lamparter, PH-Student aus Weingarten, stellte fest, dass Europa aus Menschen, und somit letztlich aus Talenten besteht. „Lasst eure Talente leben“, lautete sein Aufruf. Im Finale, in das drei der fünf einzogen, landete er auf Platz drei, hinter der Zweitplatzierten Meral Ziegler und dem Sieger Nik Salsflausen.

Ihr Talent gelebt und gezeigt haben alle Poetry Slammer an diesem Abend. Im Anschluss an dieses „Rendezvous mit Europa“ wurde dann mit Getränken des studentischen Kulturvereins „Alibi“ auf den vielfältigen und ereignisreichen Europatag an der Hochschule Ravensburg-Weingarten angestoßen.

Text:
Christoph Oldenkotte/Franziska Mayer/Katharina Koppenhöfer