Direkt zum Inhalt

„Doing and Undoing Family“

Die mediatisierte und medialisierte Familie

Corona was geht - Professor Dr. Andreas Lange

Die RWU steht auch in diesen außergewöhnlichen Tagen und Wochen nicht still. An vielen Stellen wird mit Engagement und Kreativität an neuen Lösungen gearbeitet. Mit der Reihe „Corona – Was geht“ möchten wir den Blick nicht nur auf das richten, was derzeit nicht möglich ist, sondern gerade auch auf das, was geht.

Familienleben ist nicht einfach da – es muss im praktischen Tun „hergestellt“ werden. Dies galt schon in historisch früheren Zeiten, aber vermehrt herausgefordert wird die Herstellungsleistung heutiger Familien durch die vielen Zugriffe anderer Systeme auf familiale Leistungen.

Die Wirtschaft verlässt sich auf in der Familie ausgeruhte und emotional ausgeglichene Arbeitskräfte. Das Bildungssystem geht unverhohlen von elterlichen Zulieferleistungen aus. Und das professionelle Pflegesystem hängt ab vom familialen Pflegemanagement. Familien selbst tragen aber auch zu der Komplexitätssteigerung des Familienlebens bei, weil sie sich dem allgemeinen gesellschaftlichen Optimierungszwang (alles muss „mehr“ und „schöner“ sein: von der Hochzeit bis zum Kindergeburtstag) unterwerfen.

Diese Zusammenhänge und insbesondere die Untersuchung der Aktivitäten von Familienmitgliedern stehen im Zentrum des familienwissenschaftlichen Ansatzes des „Doing und Undoing Family“. Dieser wurde mitentwickelt von Professor Dr. Andreas Lange, der in der Fakultät für Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege Soziologie lehrt.

Entstanden ist das Theoriekonzept im Rahmen seiner damaligen Tätigkeit am Deutschen Jugendinstitut in der Abteilung Familie und Familienpolitik. Eine erste Publikation zum Konzept und Anwendungsfeldern mit Dr. Karin Jurczyk und Professorin Dr. Barbara Thiessen erfolgte 2014. Nun hat Karin Jurczyk einen zweiten Band nachgelegt, in dem auch die Schattenseiten und das aktive Ablehnen von Familie thematisiert werden - nicht zuletzt mit vielen empirischen Beispielen zu Stieffamilien, Adoptivfamilien, komplexen Pflegearrangements, Migrationsfamilien etc.

Andreas Lange hat zu diesem neuen Band der Münchner Familienwissenschaftlerin einen theoretischen Beitrag zur Relevanz der Untersuchung von Praktiken und einen Übersichtsaufsatz zu den Medien in der Familie beigesteuert. Die These lautet, dass Familien erstens mediatisiert sind und ihre Balanceleistungen sowie ihre Gemeinschaftsbildung heute zu wesentlichen Anteilen mittels digitaler und anderer Medien bewerkstelligen. Und Familien sind zweitens heute auch medialisiert, weil sie auf mediale Skripte in der Gestaltung ihres Alltags zurückgreifen.

Insgesamt liegt mit dem Band eine Sammlung von wichtigen Impulsen insbesondere auch für die Praxis der sozialen Arbeit und Pflege vor, denn die Koordinaten und Rahmenbedingungen des Alltags können mit den Methoden der sozialen Arbeit positiv beeinflusst werden.

Herstellung von Familie in Zeiten von Corona

Das Konzept „Doing und Undoing Family“ ist auch dazu geeignet, auf den Punkt zu bringen, was Familien in Zeiten der Coronakrise leisten – und eben nicht leisten können. Selbstverständlichkeiten brechen weg. Die sonst streng private Sphäre des Heims wird okkupiert von schulischen und beruflichen Belangen – Homeschooling und Homeoffice. Kindern und Heranwachsenden sind die im Stakkato einprasselnden Medienmeldungen über Corona so zu vermitteln, dass keine übertriebenen Ängste entstehen, gleichwohl aber verantwortlich agiert wird.

In nicht wenigen Familien entstehen finanzielle Probleme. Neue Tagesabläufe und Familiennormen müssen erfunden und umgesetzt werden. Nach aktuellen Untersuchungen des Deutschen Jugendinstituts und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kommen zwei Drittel der Familien gut mit den Herausforderungen zurecht. Ein Drittel hingegen hat hohe Werte auf der „Land-unter-Skala“, erfährt also massive Eintrübungen des Familien- und Partnerschaftsklimas. Dies wiederum hinterlässt Spuren im strengeren und inkonsistenteren Erziehungshandeln, das dann wiederum das Wohlbefinden der Kinder negativ beeinflusst.

Neben diesen negativen Folgen liegt eine Chance der Cororna-Krise darin, dass Väter einen vertiefenden Einblick in die Vielfalt und Mühen der Familienarbeit erhalten und sich vermehrt auch in Nachcoronazeiten familiär engagieren. Eine weitere Chance könnte darin liegen, dass das Arbeiten im Homeoffice nach den bisherigen guten Erfahrungen selbstverständlicher wird, was ein essenzieller Beitrag zur viel beschworenen Familienfreundlichkeit wäre.

 

Andreas Lange: „Das Tun und Lassen in Familien analysieren. Praxissoziologie und Lebensführung als Impulse des UnDoing Family-Ansatzes“ und „Doing Family durch Medien und Kommunikationstechnologien - Systematisierungen und Forschungsstand eines interdisziplinären Feldes“, in: Karin Jurczyk (Hrsg.): Undoing Family. Konzeptionelle und empirische Entwicklungen, 2020.

 

News & FAQ zum Umgang mit Corona an der RWU

 

Text:
Professor Dr. Andreas Lange / Christoph Oldenkotte