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Corona - Was geht

„Die Grundausrichtung unseres Gesundheitssystems stimmt“

Corona Was Geht Prof. Dr. Jan-Marc Hodek

Die RWU steht auch in diesen außergewöhnlichen Tagen und Wochen nicht still. An vielen Stellen wird mit Engagement und Kreativität an neuen Lösungen gearbeitet. Mit der Reihe „Corona – Was geht“ möchten wir den Blick nicht nur auf das richten, was derzeit nicht möglich ist, sondern gerade auch auf das, was geht.

Durch den Ausbruch des Coronavirus steht das deutsche Gesundheitswesen vor großen Herausforderungen. Professor Dr. Jan-Marc Hodek ist an der RWU Prodekan der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege und leitet den Studiengang Gesundheitsökonomie. Zuvor arbeitete er als Ökonom im Bundesministerium für Gesundheit in Bonn und Berlin.

Dennis Welge: Womit lässt sich die Gesundheitsökonomie zusammenfassen und was sind ihre Aufgaben?

Professor Dr. Jan-Marc Hodek: Gesundheitsökonomie ist Wirtschaft plus Gesundheit aus allen Perspektiven. Mein Fachgebiet beschäftigt sich mit der möglichst effizienten Verwendung aller knappen Mittel. Neben Steuer- und Beitragsgeld zählen auch ärztliche und pflegerische Arbeitszeiten dazu. Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden und jede Minute nur einmal für die Patientenversorgung verwendet werden.

In normalen Zeiten schauen wir dabei vor allem auf die Wirtschaftlichkeit innerhalb des Gesundheitswesens. In der aktuellen Situation geht es natürlich auch um das Zusammenspiel von Gesundheit und Wirtschaft allgemein. Wir sehen und erleben diesen Zusammenhang täglich am eigenen Leib und in den Nachrichten dreht es sich derzeit um fast nichts anderes. Ich denke, das Themenfeld Gesundheitsökonomie ist also im Wortsinn „krisenfest“.

Ihr Fachgebiet steht aktuell im Fokus. Verändert Corona Ihren Blick auf die Gesundheitsökonomie?

Ich erlebe den Vorwurf, dass die Ökonomisierung des Gesundheitswesens allgemein ein Problem wäre. Das sehe ich natürlich überhaupt nicht so. Ganz grundsätzlich kümmert sich Ökonomie darum, aus knappen Ressourcen möglichst gute Ergebnisse herauszuholen. Nichts ist aktueller und richtiger in diesen Tagen.

Wie würden Sie unser Gesundheitssystem in Bezug auf Corona beurteilen?

Der Blick in Gesundheitssysteme mit größerer staatlicher Prägung, wie in England oder in Italien, macht deutlich, dass diese Strukturen nicht besser dastehen als wir mit unserem eher marktorientierten Ansatz. Die deutschen Kapazitäten in Krankenhäusern sind im internationalen Vergleich zum Glück sehr hoch. Die Zahl von bisher 28.000 Intensivbetten bei circa 82 Millionen Bürgern verschafft uns mehr Puffer als andere Länder ihn haben. Zusätzlich wurden sehr kurzfristig noch weitere Intensivbetten mit künstlicher Beatmung aufgebaut. Nur einmal zum Vergleich: Spanien verfügt mit seinen 47 Millionen Einwohner gerade einmal über 4.700 Intensivstationsplätze. In England sind es nur rund 4.000 mit fast 56 Millionen Einwohner.

Wie beurteilen Sie die momentane Entwicklung des deutschen Gesundheitswesens?

Ich höre momentan häufig, dass das Rad der Ökonomisierung zurückgedreht werden müsse. Diese Meinung verkennt allerdings, dass wir damit auch viel Dynamik und Innovationskraft aufgeben würden. Wenn man sich die Zahlen anschaut, erkennt man, wie effizient und leistungsfähig das System ist.

In Deutschland besteht eine außergewöhnlich geringe Corona-Todesrate. Wir verfügen über viele Intensivbetten, Pflegekräfte und Ärzte. Die Ausgaben des Gesundheitswesens steigen stetig. Vor etwa 15 Jahren hatten wir vier Millionen Beschäftigte im Gesundheitswesen - heute fast sechs. Das Gesamtvolumen des Gesundheitswesens betrug etwa 200 Milliarden Euro, jetzt sind es fast 400 Milliarden pro Jahr.

Was würden Sie innerhalb des deutschen Gesundheitssystems verbessern?

Meiner Meinung nach stimmt die Grundausrichtung des deutschen Gesundheitssystems. Wir haben ein leistungsfähiges System, das auch unter Stressbedingungen gut funktioniert. Das haben die letzten Wochen gezeigt, auch wenn großen Anstrengungen notwendig waren.

Das schließt natürlich nicht aus, dass wir in Zukunft noch besser vorbereitet sein sollten. Die Themen wie Bevorratung mit Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel, Labor- und Testkapazitäten sowie Tracing-Apps müssen angegangen und verbessert werden.

Was raten Sie für die Zukunft?

In der Krise sind wir froh um jedes Bett, das darf man klar sagen. Aber permanente Überkapazitäten sind sicher nicht sinnvoll. Diese würden Ressourcen binden; Ärztinnen und Ärzte, Pflegepersonal und Geräte, die in Normalzeiten nicht benötigt werden, müssten dennoch bezahlt werden.

Ich denke an eine Art stille Reserve. Wir brauchen Rückfallkapazitäten mit Ärzten, Pflegekräften und anderen Fachkräften aus dem Gesundheitsschutz, die wir im Krisenfall schnell hochfahren können. Ähnlich wie bei Reservisten der Bundeswehr, die außerhalb einer Notsituation einem normalen Beruf nachgehen – im Krisenfall aber schnell parat stehen können. So etwas würde man wohl am besten als „atmendes System“ bezeichnen. Dies aufzubauen ist eine große Aufgabe für die Zukunft.

News & FAQ zum Umgang mit Corona an der RWU

Text:
Professor Dr. Jan-Marc Hodek / Dennis Welge